Impressum | Datenschutz
r2-bike.com MTB RACING
Start

Bericht von der 12h-WM in Weilheim am 31. Mai 2014

P1050281

Dieses Jahr steht Mitte Juli wieder die Salzkammerguttrophy in Bad Goisern auf meiner Renn-Agenda. Mit 211 km und 7000 Höhenmetern an einem Tag ist das Rennen ein harter Brocken. 2012 konnte ich die Langstrecke mit einer Fahrzeit von 14 Stunden für mich entscheiden. Da erschien mir die 12h-WM in Weilheim als „Vorbereitungsrennen“ genau richtig.

 

IMG_7873

Nun muss man dazu sagen, dass ich noch nie an einem 12h-Stunden-Rennen teilgenommen habe. Im Gegensatz zur Salzkammerguttrophy, bei der eine riesige und sehr abwechslungsreiche Runde von 211 km gefahren wird, besteht die Runde in Weilheim aus gerade mal 6 km. Ich befürchte einen Drehwurm und nehme mir auf jeden Fall den Montag nach dem Rennen frei, um die gleiche Rundenzahl wie bei der WM um den Unterbacher See vor unserer Haustür (Umfang 5.7 km) in die Gegenrichtung zu drehen, damit ich spätestens Dienstag wieder gerade gucken kann.

 

Meine Teamkollegen Christiane Wolf und Felix Karnutz starten ebenfalls in Weilheim im 2er-Mixed-Team und Joachim Oberföll wie ich als Einzelstarter bei den Mastern. Schon Tage vorher füllen wir die Chats bei Facebook „wer bringt was wo wie mit?“. Joachims Frau Tajana erklärt sich bereit, mich bei dem Rennen zu betreuen und im Gegenzug entscheide ich mich, mit dem Wohnmobil anzureisen und dieses Tajana und Joachim für die Übernachtung zur Verfügung zu stellen, da ich für michschon ein Hotelzimmer gebucht hatte.

 

Donnerstagnachmittag komme ich auf dem Gelände der 12h WM an. Ich befinde mich im Schnäppchenjägermodus, um den besten Stellplatz zu ergattern und muss feststellen: das Stellplatz-Gelände ist schon markiert, aber es ist noch gar niemand da. Umso besser. Sintflutartige Regenfälle haben den Stellplatz allerdings in ein Feuchtbiotop umgewandelt und ich befürchte, mich mit dem Wohnmobil festzufahren. Die Zufahrt zum Gelände ist auch eine Challenge…: von einem sehr schmalen Feldweg geht es eine kleine Rampe fast senkrecht runter auf die Wiese. Mit einem 7m-Wohnmobil nicht so doll… aber nützt ja nix (wie sich später rausstellt, war die „offizielle“ Zufahrt vom Dixie-Klo-Lieferanten zugeparkt und war somit als solche leider nicht erkann
bar …. ). Ich fasse allen Mut zusammen und einen Stellplatz ins Auge, vorsichtig die Rampe runter und dann höre ich es hinten auch schon knirschen. Das Heck war ausgeschwenkt und an einem Pfosten des Feldwegs hängengeblieben. Die Heckschürze hat einen Riss – das fängt ja spitzenmäßig an! Mit Schwung düse ich auf den Stellplatz, packe meine Siebensachen und mache mich in strömendem Dauerregen mit dem Bike auf den Weg zu meinem Hotel in Huglfing. Mittlerweile ist es 20:15 Uhr und ich will nur noch was essen und ins Bett. So ein Sch….

IMG_7870

Am nächsten Morgen versuche ich die Welt wieder durch die rosarote Brille zu sehen. I-pod an und ich radel über schöne Feldwege nach Weilheim. Dort angekommen schneidet mir ein Autofahrer in einer Rechtskurve den Weg ab und ich stürze an der Bürgersteigkante. Der Kopfhörer vom ipod verfängt sich in der Kurbel. Zum Glück hat das Bike keinen Schaden genommen. Das Aggressionsbarometer steigt auf „hoch“…

IMG_7864

Gemeinsam baue ich mit meinen Teamkollen unseren „Stand“ auf, Brote werden geschmiert, Trinkflaschen präpariert und die Aufregung steigt so langsam. Es ist kalt, nass und windig, aber am Renntag soll es tatsächlich besser werden. Also noch ein leckeres Steak am Abend und dann früh ins Bett, denn der Wecker klingelt um 5:30 Uhr.

P1050257

P1050263

Am Renntag sind es morgens 4 Grad. Ich ziehe alles an, was ich dabei habe und mache mich mit dem Bike auf von Huglfingnach Weilheim. Es ist nebelig, die Felder voller Tau und die Sonne kann man diffus schon erkennen. Schöne Stimmung ich bin zuversichtlich, dass es ein guter Tag wird.

 


P1050251

Im Startblock stelle ich mich ganz nach vorne, denn ich will gleich Fakten schaffen ;o)))). Die Runde ist aufgrund der sintflutartigen Regenfälle anspruchsvoll. Knietiefer Matsch und fast ebene, übelst rutschige Wurzelpassagen verlangen der Konzentration und der Kraft alles ab und ich frage mich, wie das nach 11 Stunden noch funktionieren soll. Ein knietiefes ca. 30 m langes Matschloch hat der Veranstalter freundlicherweise mit Sägespänen auffüllen wollen, diese sind jedoch schon im Matsch versunken. Das kann ja lustig werden.

 

Nach 2 Runden habe ich 5 Minuten Vorsprung herausgefahren. Leichte Probleme beim Schalten auf das große Kettenblatt kündigen sich allerdings an. Die Schaltung ist äußerst schwergängig. Und dann in Runde 3 der Gau: es schaltet gar nicht mehr. Ich kann die Schalthebel wie einen Propeller 360 Grad drehen. Bei der Zieldurchfahrt rufe ich dem Stadionsprecher zu, dass ich Hilfe brauche. Er verweist mich an den Renn-Mechaniker. Ich vermute, dass der Schaltzug gerissen ist, leider stellt sich jedoch heraus, dass der Schalthebel defekt ist. Hierfür ist kein Ersatz vor Ort und ich muss nun ein paar Entscheidungen treffen. Aufgeben oder Weiterfahren? Es ist ja grad mal 1 Stunde rum… Großes oder kleines Kettenblatt? Und wie motiviere ich mich eigentlich jetzt? Mein Blick fällt auf das Akronym meines Namens auf meinem Oberrohr. Das hat meine Freundin Bianca mir für das Rennen erstellt:

 

N   ervenstark

A   ngriffslustig

T  ough

A  usdauernd

S   elbstsicher

C   ool

H  ochmotiviert

A   kribisch

 

Mein Blick bleibt direkt beim N hängen. Nervenstark…. genau! Das bin ich jetzt, denn Aufgeben kommt auf keinen Fall in Frage. Also Kette aufs kleine Blatt und weiter geht´s. Beim Passieren meiner Verpflegungsstelle brülle ich zu Tajana: „die Schaltung geht nicht mehr!“, sie: „egal! Du hast 20 Minuten Vorsprung!“. 20 Minuten? Na dann kann ich ja wirklich weiterfahren… Erst viel später wird mir klar, dass das irgendwie nicht stimmen kann, aber jetzt ist es eh egal. Ich bin auf Weiterfahrmodus. Tajana, Du bist echt der Knaller ;o))))….

P1050259

Die Strecke besteht aus Asphaltanstieg, kleine Wurzelabfahrt, kurzer Schotteranstieg, lange Wurzelabfahrt mit Spitzkehre und Schotterrampe, gerader Wurzeltrail, gerade Passage, Matschloch, Asphaltabfahrt und Wiesendurchfahrt. Auf der Asphaltabfahrt fehlt mir das große Blatt am meisten. Ich kurbel wie ein Duracell-Häschen und verfluche, dass ich noch nie einen Spinning-Kurs besucht habe, wo man sich mal eine 140er-Kadenz hätte aneignen können. Das bringt alles nix. Ich beschließe, in dieser Passage einfach nicht mehr zu treten und mich auszuruhen. So verliere ich zwar pro Runde ca. 1.5 Minuten im Vergleich zu den Vorrunden mit intakten Rad,beschliesse aber, diese wieder bergauf rauszufahren. Runde um Runde hat Tajana immer das richtige Getränk und vor allem das richtige Wort parat. Mal kriege ich eine handvoll TUCs bis ans Zäpfchen gestopft, mal einen Klapps auf den Po oder einfach ein „fahr einfach!“ hinterhergerufen. Genial!

 

Nach 7-8 Stunden wird es zäh. Ich habe trotz allem mittlerweile 1 Runde Vorsprung (also diesmal wirklich…) aber Beine sind müde und die Rampen kosten Kraft. Aber siehe da… nach 9 Stunden läuft es wie von selbst. Rampe-Matschloch-Wurzeln und wieder eine neue Runde. Mittlerweile habe ich zu jeder Wurzel eine enge Beziehung aufgebaut und alles ist nicht mehr schlimm.

 

Dann die letzte Stunde. Ich bin auf der drittletzten Runde und denke, jetzt kann eigentlich nichts mehr schiefgehen. Ich öttel die 3 Meter breite Asphaltstraße hoch, ganz links wie alle fahren, da dort durch den Hügel links mehr Windschatten ist. Auf einmal kommt ein junger Hitzkopf (oder besser Dummkopf?) rechts an mir vorbeigeschossen, zieht vor mir nach links, sodass sein Lenker sich in meinem verhakt. Wir stürzen beide und er fängt auch noch an rumzupöbeln. Junge, junge. Das habe ich wirklich noch nicht erlebt. Auf einer 3 Meter breiten Straße bergauf umgefahren werden… Jetzt habe ich nur noch Panik, dass das Rad einen weiteren Defekt hat. Jetzt habe ich mich 10 Stunden mit nur einem Kettenblatt Runde um Runde gequält und alles für nix weil so ein Jungspunt einen Optiker braucht? Gottseidank dreht sich noch alles und weiter geht es. Bloß keinen Gedanken mehr daran verschwenden. Mein weißer linker Handschuh färbt sich derweil am kleinen Finger rot. Ist mir egal, ich guck jetzt einfach woanders hin.

 

Die vorletzte, 33. Runde ist zu Ende und die Uhr zeigt noch 24 Minuten an. Da schaffe ich glatt noch eine! Die genieße ich jetzt. Irgendwie ist das Rennen trotz aller Widrigkeiten und schlechter Vorzeichen dann doch schnell rumgegangen. Im Ziel kann ich es kaum fassen: ich bin mit 34 Runden Weltmeisterin der 12h von Weilheim geworden!!! Und es war garantiert nicht das letzte 12h Rennen!

IMG_7877 IMG_7880 IMG_7879

Was die Freude umso größer macht, ist dass meine Teamkollegen auch allesamt super abgeschnitten haben: Christiane und Felix können den 2. Platz in der 2er-Mixed-Wertung für sich entscheiden und Joachim belegt trotz Kurbeldefekt einen beachtlichen 3. Platz bei den Masters. Es war außerdem toll meine Teamkollegen bei diesem Rennen näher kennenzulernen

P1050308 P1050320

Lieben Dank an Tajana für die wirklich einzigartige Betreuung, an alle Freunde (besonders Norbert, der bis zuletzt an meinem Bike geschraubt hat und Bianca für Mucke und Akronym), Helfer und Sponsoren  (r“-bike.com!!!) und natürlich an meine Familie, die mal wieder ein Wochenende auf mich verzichten musste.

 

IMG_7876

Comments are closed.

Sponsoren

Sponsor werden -->

Dr. Natascha Binder | Flachskampstraße 14a | 40627 Düsseldorf