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Start

WM – Meister aller Klassen ;o)

Neben dem Sieg bei der Salzkammerguttrophy war ein weiteres Saisonziel für mich, noch einmal bei der Amateur-WM über alle Altersklassen zu siegen. Dies gelang mir zuletzt 2009.
Die Vorzeichen für dieses Vorhaben waren dann in letzter Minute denkbar schlecht. 10 Tage vorher, zwei Tage nach meinem Start beim Grand Raid Cristalp, starb überraschend meine Schwiegermutter. Eine tolle Frau, die ich sehr mochte und schätzte. Eine Woche vor den World Games war die Beerdigung. Der zweite Todesfall in einem Jahr (im Januar starb mein Vater, den ich sehr geliebt habe). Wie soll man sich da auf ein Rennen konzentrieren? Wie unwichtig wird auf einmal Sieg oder Niederlage im Sport wenn es um einen geliebten Menschen geht? Man kann es aber auch anders sehen. Mein Vater war beim ersten Sieg bei der WM 2008 und auch bei nachfolgenden Rennen dabei und ich habe viele schöne Stunden mit ihm in Hinterglemm verbracht, meine Schwiegermutter hat immer stolz in der Tennisrunde von meinen Erfolgen erzählt. Warum nicht in Gedanken das Rennen diesen beiden tollen Menschen widmen? Ich war nicht so sicher, ob mir das gelingen wird.
Wir (4 Trainingsfreunde, die alle ebenfalls starten wollten und ich) reisen Freitag, den 31.08. nach Saalbach-Hinterglemm, wo es in Strömen regnet. Die Berggipfel sind schon schneebedeckt. Die Webcam vom Schattberggipfel schalten wir sofort wieder aus. Der Renntag soll weniger Regen bringen aber immerhin Kälte um 0 Grad auf den höchsten Gipfeln Schattberg und Zwölferkogel. Welch ein Kontrast zum Grand Raid Cristalp vor zwei Wochen, wo auf 2800m Höhe noch 32 Grad zu messen waren… Nun ja, bei der WM kann man sich unterwegs noch für die Distanz entscheiden. 31 km, 44 km und 81 km stehen zur Wahl und eigentlich weiß ich jetzt schon, dass ich die Langstrecke fahren werde, aber es ist zumindest gut zu wissen, dass man theoretisch abkürzen könnte.
Beim Einfahren am Morgen merke ich, dass mir meine Sommerhandschuhe schon im Ort auf 1000m Höhe deutlich zu kalt sind. Ich radel zum Bike-Shop. Ein Kopfschütteln der Verkäuferin: die warmen Winterhandschuhe sind gestern restlos ausverkauft worden – jaja, die anderen waren schlau… Weiter zum nächsten Shop – der hat noch geschlossen. Mir fällt ein dritter Shop am Ortsende ein. Dort bekomme ich zwar keine Winterhandschuhe aber zumindest ein paar dünne Unterhandschuhe, die ich unter meine Sommerhandschuhe ziehen kann. Der Shop schreibt an, meine Startnummer „2“ bürgt für mich ;o).

Um 9:00 Uhr dann der Startschuss. Ich komme ganz gut weg. Von Hinterglemm nach Saalbach rollt es sehr schnell und leicht abschüssig. In der Fußgängerzone beginnt der Anstieg zur Panoramaalm. Ich liege an 4. Stelle. Ein gutes Zeichen. Das Rennen ist noch lang und die jüngeren Konkurrenten starten meist schnell, halten das Tempo dann aber auf der Länge nicht. Ich habe Blickkontakt zu Frau Nr. 2 und 3. Frau Nr. 3 versäge ich noch am Ende des 1. Anstieges, kurz vor der Panoramaalm. Frau Nr. 2 lasse ich auf der Abfahrt stehen. Frau Nr. 1 ist nicht in Sicht. So geht es in den zweiten Anstieg von 1100 hm am Stück zum Schattberg. Ex- Frau Nr. 2 beißt sich wieder ran und überholt. Bei dem Tempo, das sie an den Tag legt bin ich sicher, dass sie nach dem Schattberg ins Ziel fährt, also auf die mittlere Runde abzweigt.
Auf der Abfahrt zur Hacklbergeralm sende ich diverse Stoßgebete gen Himmel, dass ich mir die Unterhandschuhe noch vor dem Start besorgt habe. Es sind gefühlte -10°C. Soweit mit halb erfrorenen Fingern möglich lasse ich es ordentlich krachen. Die Streckenteilung kommt. Es ist keine Frage mehr: ich beiße mich hier und heute durch die lange Runde. Kurz nach der Streckenteilung sehe ich Frau Nr. 1 – yes!!! Ex-Frau Nr. 2 ist wie vermutet bereits auf dem Weg ins Ziel. Die Möglichkeit den Gesamtsieg einzufahren rückt damit in den Bereich des Möglichen. Offensichtlich habe ich bergab viel Boden gut gemacht. Das ist prima, denn es sind ja auch bergab noch einige Höhenmeter vor uns und es zeigt mir, dass Frau Nr. 1 mir bergab unterlegen ist.
Der dritte lange Anstieg zum Zwölferkogel, bei dem ich in den letzten Jahre immer ganz gut punkten konnte, weil ich den Anstieg hochfahren konnte, während die Konkurrenten schieben mussten steht nun an. Ich komme mit Frau Nr. 1, Angelika Tazreiter, kurz ins Gespräch. Sie fragt, ob ich Expert-(<40 Jahre) oder Masterklasse (>40 Jahre) fahre und ich fühle mich mit meinen 43 Jahren geschmeichelt, dass sie überhaupt fragt ;o). Nun ist klar: wenn wir so weiter fahren, kommen wir beide aufs Treppchen (sie ist „Expert“), aber klar ist auch, dass wir beide den Gesamtsieg wollen. Es kommt die magische Stelle mit dem Haus in der Kurve, ab der die meisten Teilnehmer schieben und ja, sie steigt ab und schiebt. Gut für mich und schlecht für ihr Ego. Nach dieser Passage geht es normalerweise auf einen rund 200 hm sehr verblockten Abschnitt auf den Westgipfel des Zwölferkogel, von dem ich mir erhoffe noch mehr Vorsprung herauszufahren. Doch dieser Abschnitt wurde offensichtlich vom Veranstalter aufgrund der widrigen Witterungsverhältnisse gestrichen. Schade. Ich habe ca. 1 Minute Vorsprung auf meine Konkurrentin herausgefahren, aber ich weiß sie wird beißen. Nun kommt jedoch erst die lange Abfahrt ins Tal, von der ich mir weiteren Vorsprung erhoffe. Vor uns liegen noch 2 kleinere Anstiege von je 400 hm zur Ossmanalm und zur Rosswaldhütte. Auf dem Weg zur Ossmannalm kann man die Strecke zurück ganz gut einsehen und meine Konkurrentin kommt wieder in Sicht. Ich habe durch die lange Abfahrt ca. 3-4 Minuten Vorsprung. Nicht wirklich viel, ausruhen ist auf jeden Fall nicht angesagt. Ich gebe alles, versuche, den Puls noch einmal richtig in die Höhe zu jagen. Auf dem Serpentinenanstieg gehe ich immer wieder aus dem Sattel. Ich luge in die Serpentinen und arrgh – da habe ich sie gesehen und… sie mich auch!!!
Sie beißt und ich beiße auch. Ich muss es irgendwie schaffen, mich bis zur letzten Kuppe nicht einholen zu lassen. Wenn ich als erste in die Abfahrt gehe, dann gewinne ich auch, dann gewinne ich auch, dann gewinne ich auch. Noch nie habe ich den kleinen Übergang an der Lichtung so herbeigesehnt wie dieses Jahr. Ab dort geht es nur noch bergab. Den Abstand zwischen mir und Angelika Tazreiter schätze ich jetzt auf 40 Sekunden. Aber zakk – ich bin drüber. Nun Knallgas ins Ziel, aber mit Verstand. Mit einem Sturz wäre alles verloren. Ich mache die Bremse ordentlich auf und rolle in Hinterglemm als allererste Frau auf der Langstrecke mit einem Vorsprung von 1:40 Min ins Ziel. Mission erfüllt, ich bin glücklich. Und nun Party on!

Ergebnisse Overall:
1. Natascha Binder FELT ÖTZTAL X-BIONIC 5:40:28
2. Angelika Tazreiter Kürnberg Radler 5:42:09
3. Sabine Strobel Centurion Vaude 5:51:55

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